Essay


Ich bin im hochromantischen Repertoire zu Hause

Svetlana Aksenova singt die anspruchsvolle Partie der Cio-Cio-San in Puccinis «Madama Butterfly» überall auf der Welt. Jetzt ist sie erstmals am Opernhaus Zürich zu erleben.

In Puccinis Partitur ist Aron nicht vorgesehen. Nicht mal als stumme Rolle. Dennoch  agiert  er auf der Bühne mit grossem Einsatz. Wedelt mit dem Schwanz. Lässt sich den Bauch kraulen. Fährt mit seiner rosa Zunge über Cio-Cio-Sans Wange, chargiert geradezu…
Aron  ist  ein  schwarzer  Labradorrüde. Sozusagen das Mitbringsel des amerikanischen  Marineoffiziers  Benjamin Franklin Pinkerton, der ihn nach seiner Rückkehr in die Staaten in Nagasaki, im Haus seiner «Ehefrau auf Zeit», zurückgelassen hat. Und jetzt, da ihn Svetlana Aksenova liebevoll streichelt, geniesst er die Zuwendung nach echter Hundeart. Den  sehnlichst erwarteten abtrünnigen Gatten aber kann er natürlich nicht ersetzen. Doch dann führt ihn Judith Schmid in der Rolle der Suzuki von der Bühne; Svetlana-Cio-Cio-San wischt sich mit dem weiten Kimonoärmel übers Gesicht.
Dennoch, Svetlana Aksenova mag Hunde. Als Kind hatte sie sich einen russischen Laika gewünscht; mittlerweile ist sie eher den Katzen zugetan. Die allzu feuchte  und  olfaktorische  Gunstbezeugung des Bühnenkollegen Aron ist ihr mitunter etwas zu heftig. Aber immerhin eine bislang nie gekannte Erfahrung als Butterfly!  Dies obwohl sie diese Rolle schon an die sechzig Mal in zehn verschiedenen Produktion zwischen Mitteleuropa, Skandinavien und Mexiko an vielen Häusern verkörpert hat; jetzt in Zürich zum fünften Mal in einer Neuinszenierung.

Die gleiche Bühnenfigur in unterschiedlichen Inszenierungen – wie geht Svetlana Aksenova damit um? Ungeachtet der jeweiligen Regieansätze stehe für sie Puccinis Musik im Zentrum. Diese zu erfassen und auszuloten, lasse sie von Mal zu Mal tiefer in die Psyche dieser Frau eindringen und neue Facetten in deren Charakter entdecken.
An der Arbeit des Regisseurs Ted Huffman, der sich erstmals mit dem Werk befasst, schätzt sie die subtile, geradezu filigrane Gestik, die er der Protagonistin nahelegt und ihr so eine Intensität und Ernsthaftigkeit  verleiht,  fern  von  jeglichem puppenhaften Exotismus. Und sie intoniert eine Stelle aus dem Liebesduett am Schluss des ersten Akts: «Noi siamo gente avvezza alle piccole cose, umili e silenziose» (Wir sind von jeher gewöhnt an die kleinen Dinge, still und voller Demut). Aus dieser Optik soll das Wesen der Cio-Cio-San entwickelt werden.  Ihrem Temperament und ihrer «russischen Seele», die grosse, melodramatische Gesten gewohnt sei, falle das jedoch nicht ganz leicht. So hat man eigens dafür mit Sonoko Kamimura-Ostern eine japanische Tänzerin und Choreografin engagiert, die das einschlägige Repertoire der kleinen delikaten Gebärden und Bewegungen bestens kennt und vermitteln kann. «Mir macht es enorme Freude, die Butterfly auf diese Weise ganz neu zu erfahren», sagt Svetlana Aksenova.

Das führt unmittelbar zur nächsten Frage: Wie kann sich eine moderne junge Frau in Jeans und genieteten Stiefeln mit dieser Bescheidenheit, ja, Unterwürfigkeit der fragilen  Japanerin  identifizieren? Zum Beispiel mit der Phrase «E sia! A lui devo obbedir!» (Ihm muss ich gehorchen), selbst als man ihr das Kind wegnimmt. Da muss Svetlana Aksenova tief durchatmen und sagt dann langsam: «Wir Russen sind halbe Asiaten. Das Gefälle zwischen Mann und Frau ist bei uns noch ziemlich intakt, zumindest ist es nicht ungewöhnlich. Wir mögen es so.» Und fügt vielsagend hinzu: «Auch wenn es sich langsam auflöst». Kurz: Cio-Cio-San habe in dieser Situation gar keine Wahl. Für die Künstlerin als moderne Frau und Mutter zweier Kinder liege der Akzent dieses aus heutiger Sicht heiklen Satzes  auf  dem Wort ‹muss›. Denn: «Cio-Cio-Sans Zukunft ist zerstört. Sie ist geächtet, gefallen, ausgestossen. Umso mehr möchte sie ihrem Sohn eine Zukunftsperspektive bieten, die sich nur ergibt, wenn ihn der Vater zu sich nimmt. Das Beste für sein Kind zu wollen, ist auch aus heutiger Sicht nachvollziehbar, nicht wahr?»

Zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit
Auch stimmlich stellt die Partie der Butterfly beachtliche Anforderungen. Nur schon was die Länge anbetrifft, zumal sie fast andauernd auf der Bühne steht. «Als ich die erste Anfrage für Butterfly erhielt, freute ich mich natürlich sehr. Als ich aber den Klavierauszug zu studieren begann und feststellte, wie umfangreich die Partie ist, wurde mir ziemlich mulmig», erinnert sich die Sängerin. «Eine erholsame Pause gibt es kaum, da viele Regisseure die durchgehende Präsenz der Butterfly auch im zweiten Teil des zweiten Akts fordern.»  Und  lachend fügt sie hinzu, auch die Theaterpause, wo sich die Leute beim Cüpli erholen, sei hinter der Bühne meistens mit Kostümwechsel und Maske besetzt  –  «das  ist  wohl  den  wenigsten Opern besuchern bewusst!»
Zur Präsenz auf der Bühne kommt der Wandel im  Stimmcharakter, der in den beiden Aufzügen ganz unterschiedliche Farben, Emotionen und Ausdrucksmittel erfordert, betont  Svetlana  Aksenova. Aus dem 15-jährigen Mädchen wird im  zweiten Akt, drei Jahre später, eine junge Frau und Mutter, die sich verzweifelt und vielleicht sogar wider besseres Wissen an die Hoffnung auf die Rückkehr des geliebten Mannes klammert. Im letzten Teil der Oper erfährt sie die brutale Wahrheit und zerbricht. Das erfordere gewissermassen drei verschiedene Stimmen: leicht, lyrisch, dramatisch – von der vertrauensvollen Naivität über  die  zwischen Hoffnung und Traurigkeit oszillierenden Reife bis hin zur von Selbstaufgabe und Ausweglosigkeit geprägten Tragik.

Nun ist die junge Geisha nicht die einzige Frauengestalt der Opernliteratur, vorab des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die von Schicksal – sprich von testosterongesteuerten, egomanen, paternalistischen Männern – gebeutelt wird. Svetlana  Aksenova  hat  schon  mehrere dieser verratenen, entsagenden Geschöpfe auf der Opernbühne dargestellt: Desdemona (Otello), Mimì, (La bohème), Lisa (Pique Dame), Tatjana (Eugen Onegin), Blanche (Dialogues des Carmélites), Fevronija (Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch), Marguerite (Faust), Rusalka, Suor Angelica und, vielleicht als am wenigsten  Passive unter diesen Leidenden, Floria Tosca, die immerhin  ihren Widersacher umbringt.
Dazu  Svetlana  Aksenova:  «Da  ich nun mal im hochromantischen Repertoire zuhause bin, sind diese tragischen Frauenschicksale unumgänglich. Und ich muss zugeben, es fällt mir  mitunter schwer, mich nach der Aufführung wieder von ihren Schicksalen zu lösen, sie verfolgen mich oft noch tagelang.»
Allerdings, gesteht sie weiter, würde sie  gerne  auch  mal  «etwas  Verrücktes» singen. Zum Beispiel die Lady Macbeth von Mzensk. Aber erst in zehn Jahren! Gefallen würde ihr auch die schlaue Mrs.Ford in Verdis Falstaff. Oder die Salomé in Massenets Hérodiade. Sogar  barocke oder zeitgenössische Partien würden sie reizen. Und sie bedauert, dass Intendanten  und  Operndirektoren  den  Sängern nur zu gern ein Etikett verpassen. Sich von diesen einmal etablierten Rollenbildern zu befreien, sei mitunter echt schwierig. Aus diesem Grund wird sie die Rolle der Cio-Cio-San nach Zürich für eine Weile beiseitelegen und gleichzeitig darauf vertrauen, dass andere Anfragen kommen, wenn die Zeit dafür reif ist. Man müsse  warten können, meint sie lakonisch.

Locker auf die Bühne dank Salsa und Samba
Als nächstes steht beispielsweise die Tatjana  im  Onegin  in  Vancouver  in  der Agenda. Doch grundsätzlich möchte sie in den kommenden Jahren lieber in Europa  auftreten.  Der  Grund ist naheliegend: Svetlana Aksenova wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Basel. Neben Skype und Fotos ihrer Familie begleitet sie auch eine kleine Ikone in die Künstlergarderoben. Zur Kontemplation und Sammlung gehört aber auch die Bewegung zum Ritual vor dem Auftritt: «Samba und Salsa helfen, um locker und mutig auf die Bühne zu gehen.» Basel war übrigens eine wichtige Station in ihrer Laufbahn. Hier hat sie ihr Studium abgeschlossen, hier war sie während einiger Jahre (unter ihrem Mädchennamen Svetlana Ignatovich) Ensemblemitglied und konnte sich einige der Rollen, für die sie nun weltweit gefragt ist, erarbeiten.
Doch wie ist sie überhaupt Sängerin geworden? Svetlana Aksenova stammt nicht aus einer ausgesprochen künstlerischen Familie, obwohl zuhause gern und oft gesungen wurde; auch ihr Bruder, ein Tenor, ist klassischer Sänger geworden. Die Mitwirkung im Kirchenchor und eine fast spirituelle Erleuchtung in einer emotional schwierigen Zeit weckten in ihr den Wunsch, Sängerin zu werden, den sie beharrlich verfolgte und sich am St. Petersburger Konservatorium einschrieb – mit Recht davon überzeugt, dass «un bel dì» – eines Tages…


Text von Bruno Rauch
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 54, November 2017
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Am Flügel begleitet von Sarah Tysman, interpretiert er neben Liedern von Ottorino Respighi, Ermanno Wolf-Ferrari und Francesco Paolo Tosti auch Raritäten der beiden polnischen Komponisten Stanislaw Moniuszko und Karol Szymanowski.

Vorstellung am 11 Jan 2018

 
News in Kürze 

Aktuelle Meldungen

Der SRF Kulturplatz hat eine ganze Sendung dem Opernhaus Zürich gewidmet und berichtet unter anderem von unserem diesjährigen Saison-Eröffnungsfest und begleitet Künstler und Mitarbeiter unseres Hauses bei ihrer Arbeit. Die Sendung gibt es online in der SRF Mediathek zum Nachschauen. +++ Michael Fichtenholz wird ab der Spielzeit 2018/19 Operndirektor am Opernhaus Zürich. +++ In der Wiederaufnahme Werther wird Melissa Petit die Rolle der Sophie anstelle von Rebeca Olvera singen. +++ In der Neuproduktion Madama Butterfly werden folgende Besetzungen getauscht: Onkel Bonze wird von Ildo Song gesungen, anstelle von Stanislav Vorobyov. Der Kaiserliche Kommissar wird von Stanislav Vorobyov anstelle von Ildo Song gesungen. +++ Das Opernhaus Zürich ist gleich dreimal für einen International Classical Music Award 2018 (ICMA) nominiert: Mit den Aufzeichnungen von Messa da Requiem, den Rachmaninov Piano Trios und Scheherazade von Rimsky-Korsakov. +++ In der konzertanten Aufführung der Oper La Fille du régiment wird anstelle des kurzfristig erkrankten Javier Camarena der amerikanische Tenor René Barbera die Partie des Tonio singen.